5 Jahre Euro: Lettland zieht positive Bilanz

Täglicher Begleiter seit fünf Jahren: Anfang 2014 verabschiedete sich Lettland nach über 20 Jahren von seiner alten Währung und führte den Euro ein. Die Erfahrungen mit der europäischen Währung sind aus Sicht von Riga und Brüssel positiv.

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Fünf Jahre nach Einführung des Euro haben die politische Führung Lettlands und Vertreter von europäischen Institutionen die Bedeutung der Gemeinschaftswährung für das baltische Land gewürdigt. Der Beitritt zur Eurozone am 1. Januar 2014 habe Lettland nicht nur einen wirtschaftlichen Aufschwung beschert, sondern auch den Ostseestaat finanziell und geopolitisch stabilisiert. Und auch Bevölkerung scheint ihre anfängliche Euro-Skepsis mehrheitlich überwunden zu haben.

"Die Einführung des Euro war ein weiterer Eckpfeiler, der Lettlands Unabhängigkeit stärkte und seine Integration in die Familie der fortschrittlichsten Volkswirtschaften der Welt förderte", sagte Ministerpräsident Maris Kucinskis in seiner Rede auf einer Konferenz zum 5. Jahrestag des Währungswechsels im Januar in Riga, bei der auch der 20. Geburtstag der EU-Währung gewürdigt wurde.

Als zum Jahreswechsel 2013/2014 der Euro in Schein und Münze unters Volk gebracht wurde, sei ein „neues Kapitel der lettischen Geschichte“ aufgeschlagen worden. Aus heutiger Sicht sei die Euro-Einführung „die richtige Wahl“ gewesen – sowohl strategisch als auch wirtschaftlich. „Wir sollten uns daran erinnern, dass sich seither die geopolitische Situation in der Region erheblich verschlechtert hat", sagte Kucinskis. „Man kann nur vermuten, was die Auswirkungen der Ukraine und der Krim auf Investitionen und Wachstum wären, wenn der Euro nicht eingeführt worden wäre."

"Wir sehen, dass all die Vorteile, über die wir vor dem Euro-Beitritt gesprochen haben, sich verwirklicht haben“, betonte auch EU-Währungskommissar Valdis Dombrovskis. Die Zinsen auf dem Finanzmarkt und Kosten für Währungsumrechnungen seien niedriger, die Preistransparenz höher und die Währung einfach zu nutzen. Auch habe der Euro dazu beigetragen, ausländische Investitionen nach Lettland zu locken, sagte der für die Gemeinschaftswährung zuständige EU-Kommissar. Bestätigt hat dies auch eine Analyse der Lettischen Zentralbank.

Als Lettlands Regierungschef verantwortete Dombrovskis damals den Beitritt des mittleren drei der Baltenstaaten zur Eurozone. „Man kann sagen: Für mich war es in der Tat, wenn nicht die wichtigste, dann definitiv eine der wichtigsten Entscheidungen, weil sie strategisch und weitreichend war“, sagte er am Rande der Konferenz. Doch sei der Weg zum Euro nicht leicht gewesen. Angesichts der Schuldenkrise in der Eurozone habe es in Lettland wie auch in anderen Euroländern durchaus Bedenken und Zweifel gegeben. „Viele Leute fragten sich, ob es eine gute Idee ist, dem Euro beizutreten, oder ob es der richtige Zeitpunkt für den Beitritt ist“, erinnerte sich Dombrovskis.

Der Euro wurde in Lettland damals mit größter Skepsis begleitet. In der Bevölkerung war die Begeisterung über den „Eiro“ - wie der Euro auf lettisch heißt – gering. Viele fürchteten sich vor steigenden Preisen und trauerten ihrer bisherigen Währung Lats nach, die als Symbol für die 1991 wiedererlangte Unabhängigkeit von der Sowjetunion galt. Sorgen bestanden zudem darüber, ob Lettland nach dem Beitritt zur Eurozonen womöglich für reformunwillige Euro-Krisenstaaten im Süden Europas aufkommen muss. Der Abschied fiel schwer.

Fünf Jahre nach der Einführung des Euro-Bargeldes sind noch immer Lats und Santims im Milliardenwert im Umlauf. Nach Angaben der lettischen Zentralbank wurden bis Ende 2018 nur knapp 40 Prozent aller Münzen umgetauscht. Für die Mehrheit der Letten ist die Gemeinschaftswährung aber längst zur Normalität geworden - und wird inzwischen positiv gesehen: Der jüngsten Umfrage der EU-Kommission zufolge meinen 63 Prozent, der Euro sei gut für ihr Land. 2013 waren es nur 40 Prozent gewesen.

EZB-Vizepräsident Luis de Guindos sieht die wirtschaftliche Entwicklung als einen der Gründe für die positivere Einschätzung. „Obwohl Lettland sicherlich unter der Finanzkrise gelitten hat, war das Wirtschaftswachstum in den fünf Jahren seit dem Beitritt zum Euro stark“, sagte der stellvertretende Chef der Europäischen Zentralbank. In den ersten drei Quartalen 2018 habe der Baltenstaat mit die höchsten Wachstumsraten in der EU und im Euroraum verzeichnet.

Noch wichtiger aber sei: „Das Wirtschaftswachstum in Lettland ist ausgewogener als in der Vergangenheit und basiert auf einer widerstandsfähigeren Wirtschaft“, erinnerte de Guindos an den wirtschaftlichen Absturz in der Krise. Zwischen 2008 und 2010 brach die Wirtschaftsleistung um gut 20 Prozent ein. Lettland stand damals kurz vor dem Staatsbankrott – und konnte nur durch Hilfskredite der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF) vor dem Staatsbankrott gerettet werden.

Entgegen dem Rat des IWF verzichtete Lettland damals darauf, seine eng an den Euro gebundene Währung abzuwerten. Stattdessen wurde die Einführung der Gemeinschaftswährung als Endziel der Reformbemühungen ausgerufen. „Es war eine Art politischer Anker. Aber es war offensichtlich sehr viel Arbeit nötig, um sicherzustellen, dass dieses Ziel erreicht werden kann“, sagt Dombrovskis. Er gilt als Architekt des harten Sparkurses, mit dem sich Lettland fit für den Euro machte und nur vier Jahre nach dem Beinahe-Kollaps die Beitrittskriterien erfüllte.

Doch der Preis und dafür war hoch und bezahlen mussten ihn vor allem die Bürger - mit Lohnkürzungen, Steuererhöhungen und Einschnitte im Sozialwesen. Die sozialen Folgen sind weiterhin spürbar: Bis heute leidet das Land unter den Folgen der während der Krise verstärkt einsetzenden Abwanderung. Auch Armut und Einkommensungleichheit verschärften sich durch die Krise. Trotz der anziehenden Wirtschaft liegt das Wohlstandsniveau weiter unter dem anderer Eurozonen-Länder. Das reale BIP pro Kopf beträgt nur knapp die Hälfte des Durchschnitts - Lettland ist das ärmste Land der gemeinsamen Währungszone. Auch de Guinos verwies in seiner Rede auf den Rückstand gegenüber anderen vergleichbaren Euro-Ländern.

„Die Einführung des Euro bedeutet nicht, ein Ziel zu erreichen. Ein Teil des Euro zu sein bedeutet vielmehr, ein Teil einer Reise zu sein", sagte Dombrovskis. Die Gemeinschaftswährung habe zum Wirtschaftswachstum und zu einem höheren Lebensstandard beigetragen. Noch seien aber weitere Anstrengungen nötig, um die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion zu vertiefen und zu vollenden. „Wir sind nur dann stark, wenn wir zusammen reisen", sagte „Lettlands Mister Euro".

Der Euro wurde am 1. Januar 1999 zunächst für 11 der damals 15 EU-Mitgliedstaaten zum gesetzlichen Zahlungsmittel - zunächst elektronisch, ab 2002 dann als Bargeld. Heute nutzen die Gemeinschaftswährung rund 340 Millionen Bürger in 19 Euro-Staaten. Interesse am Euro-Beitritt haben Bulgarien und Kroatien signalisiert - dies wurde von Vertretern der Regierung und Zentralbank der beiden Länder auf der Konferenz nochmals bekräftigt. In der Vorbereitung darauf könnten sich dabei nach Meinung von Dombrovskis auch an Lettland orientieren, das den Euro technisch reibungslos einführte.

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