Litauen startet eigene Industrie 4.0-Plattform

Der litauische Wirtschaftsminister Mindaugas Sinkevičius hat am Donnerstag, 11.5.2017, die Gründung einer nationalen Industrie-4.0-Plattform nach deutschem Vorbild bekannt gegeben. Sinkevičius verkündete die Kabinettsentscheidung anlässlich einer internationalen Konferenz für die Fertigungsbranche und den litauischen IT-Sektor in der Hauptstadt Vilnius.

"Mit dieser landesweiten Initiative wollen wir unsere Aktivitäten systematischer gestalten, die wichtigsten nationalen sowie regionalen Partner vernetzen und das Land besser in die europäische Entwicklung integrieren", so der Minister. Vorausgegangen waren monatelange Vorbereitungen einer Arbeitsgruppe, der neben dem litauischen Industriellenverband (LPK) und dem Verband der Ingenieursbranche Litauens (LINPRA) auch die Deutsch-Baltische Handelskammer (AHK) angehört.

"Noch vor einem Jahr haben vor allem die kleineren Unternehmen in Litauen gerade erst begonnen, sich mit dem Thema Internet of Things zu beschäftigen"; kommentiert Lars Gutheil, stellvertretender Geschäftsführer der AHK. "In der Zwischenzeit sind nicht nur die Kenntnisse gewachsen, sondern bereits erste Anwendungen umgesetzt worden und Trainingsstrukturen entstanden, die nun in eigene Kompetenzzentren weiterentwickelt werden können." 

Litauen, der südliche und größte der drei baltischen Staaten, hatte erst vor Kurzem durch die Ansiedlung des deutschen Elektronik- und Lichttechnikproduzenten Hella auf sich aufmerksam gemacht. Der Automobilzulieferer aus Lippstadt baut in Kaunas bis 2018 ein Elektronikwerk mit einem Investitionsvolumen von etwa 30 Millionen Euro. Dort sollen vor allem Sensoren, Aktuatoren und Steuerungsmodule für die Autoindustrie entstehen. Vor wenigen Wochen präsentierte sich Litauen zudem auf der Hannover Messe als viel versprechender Standort für vernetzte Produktionslösungen. Die neue Industrie-4.0-Plattform soll das Land, das gerade einmal drei Millionen Einwohner zählt, gerade bei internationalen Investoren weiter ins Blickfeld rücken.

In Vilnius diskutierten litauische und internationale Experten vor rund 300 Teilnehmern, wie das Vorhaben Industrie 4.0 gelingen soll. "Ein vorrangiges Ziel ist es, in Litauen so rasch wie möglich einen 'Digital Innovation Hub' zu gründen, wie er von der Europäischen Kommission vorgeschlagen wird", betont Gintaras Vilda, Geschäftsführer des litauischen Ingenieurverbands LINPRA. Das Land profitiere von europäischen Strukturfonds und könne diese nun dank der gemeinsamen Plattform besser nutzen als früher. Vilda möchte Litauen außerdem eine hörbare Stimme im Zusammenspiel verschiedener europäischer Initiativen geben. Besonders denkt er dabei an eine engere Vernetzung mit Deutschland: "Wir können viel davon lernen, was die Deutschen als Spitzenreiter der Industrie-4.0-Bewegung auf die Beine gestellt haben." Mit einem Industrieanteil von über 23 Prozent am Bruttoinlandsprodukt habe Litauen eine ähnliche Struktur wie die Bundesrepublik. Allerdings sei die Produktivität zuletzt trotz steigender Löhne nicht gewachsen. Zu einer konsequenten Digitalisierung und der damit verbundenen Produktivitätssteigerung gebe es also keine Alternative. Entsprechend einig sind sich die litauischen Partner, vom Wirtschaftsministerium über die führenden Verbände bis zu den Unternehmen, dass umfassende Maßnahmen notwendig sind.

Litauen gebe ein "sehr gutes Beispiel für Europa" ab, kommentierte Adrian Harris, Hauptgeschäftsführer des europäischen Ingenieurverbands Orgalime, anlässlich der Konferenz in Vilnius. "Länder wie die Niederlande haben bewiesen, wie erfolgreich ein sehr praktischer Ansatz für vernetzte Lösungen sein kann. Dort ist etwa die Milchbranche heute schon weitgehend digitalisiert. Litauen mit seiner mittelständisch geprägten Wirtschaft und relativ wenigen Einwohnern kann diesem Beispiel folgen." Neben dem Einsatz von Technik, da waren sich alle Experten einig, gehört dabei die Ausbildung von Schülern und Fachkräften zu den wichtigsten Voraussetzungen. Heute müssten schon Kinder und Jugendliche an die künftigen Anforderungen einer digitalen Gesellschaft herangeführt werden. 

Dennoch bleibe vollkommen unklar, welche Fähigkeiten in einigen Jahren besonders gefragt sein werden, gab Carsten Polenz, Vice President Industry 4.0 beim deutschen Softwareanbieter SAP, zu bedenken: "Da wir die Anforderungen heute noch nicht kennen, kommt es vor allem auf die Vermittlung der wichtigsten Basisfähigkeiten wie etwa Datenanalyse an, die dann später 'on the job' weiter trainiert werden kann." Dieser Ansatz könnte schon bald in der litauischen Plattform Industrie 4.0 weiter diskutiert werden, kündigten die Initiatoren an.

"Alles in allem spüren wir ein wachsendes Interesse – auch seitens deutscher Investoren – an Litauen", so AHK-Vize Gutheil: "Obwohl noch viele Herausforderungen vor uns liegen, bewerten wir die Aussichten positiv. Litauen ist mit großen Schritten dabei, sich für internationale Unternehmen attraktiv zu machen."   

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