Konjunktur in Estland, Lettland und Litauen verliert 2018 nur leicht an Schwung

Lettland im 1. Quartal mit höchstem Wachstum in der EU / Abwanderungsbedingter Fachkräftemangel ist größte Herausforderung/ Von Marc Lehnfeld

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Riga (GTAI) - Wer heute nach Estland, Lettland und Litauen schaut, findet Unternehmen mit hohen Auftragsbeständen und Produktionsvolumen. Das Exportgeschäft, Großprojekte und EU-Fördermittel lassen die baltischen Länder auch 2018 über dem EU-Durchschnitt wachsen, wenn auch mit nachlassender Dynamik. Immer problematischer wird für dort ansässige Unternehmen aber der Fachkräftemangel.

In den drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen wird das Wirtschaftswachstum 2018 leicht an Dynamik verlieren. Aber auch dann werden die drei Länder noch schneller zulegen als die Europäische Union (EU) im Durchschnitt. Während das Wachstum in Estland und Litauen im 1. Quartal 2018 um 3,8 beziehungsweise 3,6 Prozent schon langsamer stieg als im Jahresdurchschnitt 2017, zeigt sich Lettlands Wirtschaft noch unbeeindruckt: Trotz der Probleme in seinem Finanzsektor erreichte das Land mit einer starken Realwirtschaft im 1. Quartal 2018 das schnellste Wirtschaftswachstum in der EU. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des mittelbaltischen Staates wuchs preisbereinigt um 5,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Trotz ihrer unterschiedlichen wirtschaftlichen Struktur lässt sich bei allen drei baltischen Ländern ein ähnliches Wachstumsszenario beobachten. Denn die lange Phase der guten Konjunktur in Europa hat auch die Auftragsbücher der baltischen Unternehmen kräftig gefüllt. Hohe Produktionsvolumen und Kapazitätsauslastungen lassen die Firmen expandieren und treiben damit die Bruttoanlageinvestitionen in Estland, Lettland und Litauen an. Hinzu kommen EU-Fördermittel und Großprojekte wie das baltische Schienenprojekt "Rail Baltica", weshalb auch 2018 mit steigenden Bruttoanlageinvestitionen zu rechnen ist - laut Prognose der EU-Kommission vor allem in Lettland (+7,9 Prozent) und Litauen (+7,3 Prozent). Weil die Nachfrage vor allem durch Importe bedient wird, haben deutsche Unternehmen gute Absatzchancen.

Einschränkungen im Freihandel bremsen Aufschwung

Estland, Lettland und Litauen profitieren zwar aktuell noch von der guten Auslandsnachfrage, die Abhängigkeit vom Außenhandel ist aber Fluch und Segen zugleich. Schließlich ist schon absehbar, dass der jahrelange konjunkturelle Höhenflug in Europa an Schwung verlieren wird, womöglich wegen der Verschärfung im globalen Freihandel sogar stärker und früher als erwartet. Dann fallen auch die baltischen Auftragseingänge aus dem Ausland schwächer aus und hemmen das Wirtschaftswachstum, das schon 2018 etwas niedriger ausfallen wird als im Vorjahr. Dieses Wachstumsszenario prognostizieren nicht nur die EU-Kommission, die Finanzministerien und die Nationalbanken von Estland, Lettland und Litauen, sondern auch die Analysten der in allen drei Ländern vertretenen Banken SEB, Swedbank und Luminor.

Als Anker funktionieren dann die von der EU kofinanzierten Großprojekte, weshalb ein stabiles EU-Budget auch nach dem Brexit im aktuell verhandelten mehrjährigen Finanzrahmen von großer Bedeutung ist. Besonders deutlich wird das am eifrigen Werben aller drei baltischen Länder um eine hohe EU-Förderquote für das 5,8 Milliarden Euro schwere Rail-Baltica-Schienenprojekt, deren europäische 85-Prozent-Förderung bisher nur bis 2020 fest zugesagt ist.

Sinkende Arbeitslosigkeit und Fachkräftemangel treiben Löhne

Die Arbeitnehmer im Baltikum profitieren seit Jahren von der guten Wirtschaftslage: Sinkende Arbeitslosigkeit, zunehmende Erwerbstätigenquoten und vor allem stark steigende Löhne. Was den Privatkonsum in allen drei Ländern anheizt, sorgt im Gegensatz dazu bei den Unternehmen für große Probleme: Schließlich steigen die Gehälter wegen des Fachkräftemangels so stark an. Die Betriebe in den baltischen Staaten geben an, dass fehlendes, qualifiziertes Personal die Unternehmensentwicklung am meisten behindert.

In allen drei Ländern versuchen die Regierungen das Problem zu lösen, können die Effekte aber oft nur kurzfristig abmildern. In Litauen werden zum Beispiel Fachkräfte aus dem benachbarten Belarus angeworben, während in Lettland die Produktivität der Arbeitnehmer durch eine verbesserte Berufsausbildung erhöht werden soll. In Estland wurde das Arbeitskräftepotenzial durch die Eingliederung beeinträchtigter Menschen angehoben. Die Gefahr liegt nicht nur darin, dass die drei Staaten so ihr Wachstumspotenzial nicht voll ausschöpfen können, sondern auch die Arbeitsproduktivität in den Unternehmen und damit die globale Wettbewerbsfähigkeit sinkt.

Das größte Problem im Hinblick auf den Fachkräftemangel ist aber die Abwanderung vor allem junger Balten in das europäische Ausland. In den letzten zehn Jahren ist die Bevölkerung daher stark geschrumpft, vor allem in Lettland und Litauen um rund 11 Prozent. Dagegen zeichnet sich in Estland schon eine Trendwende ab. Weil die gute wirtschaftliche Entwicklung dort die Lebensqualität stark verbessert hat, ziehen immer mehr ausgewanderte Esten zurück in ihre Heimat. Das ist ein gewichtiger Grund, warum die Nettoeinwanderung des kleinsten baltischen Landes mittlerweile positiv ist.

Eine Chance zur Verbesserung des Fachkräftepotenzials im Baltikum bietet der anstehende Brexit. Schließlich bilden die rund 199.000 Litauer im Vereinigten Königreich nach Angaben des dortigen Statistikamts die siebtgrößte ausländische Bevölkerungsgruppe. In Litauen entsprechen sie einem Bevölkerungsanteil von 7 Prozent. Die 117.000 im Königreich lebenden Letten würden in ihrer Heimat einen Anteil an der Gesamtbevölkerung von knapp 6 Prozent ausmachen.

Die Konjunkturberichte der Serie "Wirtschaftsausblick" für die einzelnen baltischen Staaten und weitere Informationen finden Sie hier:

Wirtschaftsausblick Estland (Juni 2018): http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Wirtschaftsklima/wirtschaftsausblick,t=wirtschaftsausblick--estland-juni-2018,did=1926298.html

Wirtschaftsausblick Lettland (Juni 2018): http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Wirtschaftsklima/wirtschaftsausblick,t=wirtschaftsausblick--lettland-juni-2018,did=1928998.html

Wirtschaftsausblick Litauen (Juni 2018): http://www.gtai.de/GTAI/Navigation/DE/Trade/Maerkte/Wirtschaftsklima/wirtschaftsausblick,t=wirtschaftsausblick--litauen-juni-2018,did=1932282.html

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